Warum weiß ich einfach nicht, was ich will? Das Tabu der Selbstbestimmung

Die Business Ladys haben zur Blogparade aufgerufen, und das Thema ist #jetztentscheideich – Wege und Tipps für gute Entscheidungen. Um gute Entscheidungen treffen zu können, müssen wir erst einmal wissen, was wir überhaupt wollen. Aber das ist oft gar nicht so einfach…

Wie kann es sein, dass so wenige Menschen wissen, was sie wirklich wollen? Und ich meine nicht, ob sie lieber ein Schoko- oder ein Vanilleeis hätten, sondern ganz grundlegend, was sie mit ihrem eigenen Leben anzustellen gedenken. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Mir ist völlig klar, nur wenn ich weiß was ich will kann ich mein Leben so gestalten, dass ich damit glücklich werde. Trotzdem falle ich immer wieder in Muster zurück, in denen ich mich ohne Nachzudenken daran orientiere, was ich „wollen soll“, als ob ich auf eine Art von Vorgabe warte.

Aber ist das wirklich so überraschend? Wir – das heißt die Jahrgänge ab etwa dem Wirtschaftswunder der 1960er – sind wahrscheinlich die erste Generation seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte, die sich diese privilegierten Überlegungen überhaupt erlauben kann. Denn bis vor ein paar Jahrzehnten gab die ganzen Möglichkeiten, die wir heutzutage haben, schlicht und einfach nicht. Entweder ging es ums nackte Überleben, oder die gesellschaftlichen Strukturen und Erwartungen waren so starr und rigide, dass der Sohn den Beruf des Vaters gelernt hat, und als Frau hatte man sowieso nicht viel zu sagen. (Noch meine Mutter durfte als Mädchen nicht aufs Gymnasium und erst recht nicht studieren.)

Das Tabu der Selbstbestimmung

Aber bei aller Freiheit des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts steckt das „Tabu der Selbstbestimmung“, wie ich es gerne nenne, immer noch tief in uns. Anders gesagt: Wir sind die erste Generation, die frei ist sich selbst zu verwirklichen, laufen aber gleichzeitig immer noch mit dem auf Konformität ausgelegten Programm der letzten paar Tausend Jahre herum. Aber von wem hätten wir die innere Anpassung an äußere Vorgaben denn nicht lernen sollen, wenn die Gesellschaft bis in die Generation unserer Eltern hinein noch ausschließlich so funktioniert hat? Mit Regeln, die sagen: Halt dich immer schön an die von „oben“ vorgegebene Norm, mach bloß nicht dein eigenes Ding, viel zu gefährlich.

Ich denke, dass uns diese Anpassung in den meisten Fällen mehr oder weniger unbewusst von unseren Familien vermittelt wurde. Unsere Eltern wollten uns zwar keine unumstößlichen Vorgaben mehr machen, haben dabei aber zu oft nicht daran gedacht, uns stattdessen das Rüstzeug für eigene Entscheidungen mitzugeben. Wie auch, sie wurden ja selbst zur Anpassung hin erzogen und kannten es nicht anders.
So fehlt vielen von uns eine Erziehung hin zu Selbstständigkeit, die uns beigebracht hätte unser eigenes Ding zu machen, unseren Selbstwert nicht daran festzumachen, ob wir es anderen recht machen, ob wir uns „richtig“ verhalten. Pessimistisch gesehen haben wir nun das Schlechteste aus beiden Welten: Einerseits keine Vorgaben mehr, die ja auch Orientierung bieten können, aber andererseits auch nicht die Ermutigung, unseren eigenen Weg gehen zu können und zu dürfen.

Sich aus überkommenen Mustern befreien

Ich behaupte, es ist die Aufgabe unserer Generation(en), diese alten transgenerationalen Überlebensmuster in Frage zu stellen und zu transformieren – etwas Neues daraus zu machen, das die Lebensrealität nicht einfach leugnet, aber eben auch einen weiten Raum bietet für individuelle Freiheit und Selbstbestimmung. Nennen wir es positiven Individualismus. Keinen Egoismus, aber auch keinen auf Zwang und Abhängigkeit basierender Kollektivismus mehr. Natürlich ist das leichter gesagt als getan; ich merke selbst jeden Tag, wie extrem schwer es ist, gegen solche tiefsitzenden Muster anzukämpfen. Da kann ich noch so viele Bücher und Artikel lesen, die mir sagen: Warte nicht auf Erlaubnis! Verlasse deine Komfortzone! Setze Grenzen!

Es ist mein Ego, das mir bei meiner Selbstbefreiung im Weg steht; dabei will mich dieses Ego eigentlich nur in Sicherheit wissen. Es will, dass ich um jeden Preis akzeptiert werde, denn nur durch Akzeptanz der Gruppe fühlt es sich wirklich sicher und geschützt. Ich glaube zunehmend, dass wir, anstatt gegen unser Ego (und damit uns selbst) zu kämpfen, besser das Pferd von der anderen Seite her aufzäumen sollten, und zwar indem wir damit beginnen uns selbst zu akzeptieren und wertzuschätzen, so wie wir sind. Denn nur so lässt sich unser Ego davon überzeugen, unserer inneren Stimme das Wort zu überlassen. Und nur im Kontakt mit unserer inneren Stimme und vor allem der Freiheit, ihr auch zu folgen, können wir die für unser Glück so wichtige Frage beantworten, welche Richtung wir unserem Leben geben wollen.

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