Von Spiritual Fixing zu radikaler Akzeptanz

Zur Feier des Reboots dieses Blogs habe ich mir natürlich auch meinen letzten, knapp eineinhalb Jahre alten Artikel über die Akzeptanz meiner Schatten noch einmal durchgelesen. Und was soll ich sagen? Mir ist sehr deutlich klargeworden, dass ich trotz der hehren Erkenntnis von damals, meine Schatten nicht abzulehnen, sondern anzunehmen, immer noch auf dem Karussell der Schattenarbeit festsitze und darauf warte, dass die Fahrt endlich vorbei ist und ich absteigen kann.

Denn wenn ich ehrlich bin: Letztendlich habe ich all meine Schatten doch wieder nur deswegen angenommen, um sie dadurch zu „heilen“ und dann endlich „richtig leben zu können“. Aber etwas anzunehmen in der Hoffnung, es damit zu verändern – anstatt es wirklich ins Leben zu integrieren – ist das genaue Gegenteil von echter Annahme.

Spiritual Fixing

Schon seit ich denken kann, ist mein Modus Operandi, mein Leben, und vor allem mich selbst, nach Problemen abzuscannen, um diese dann zu lösen – so lange bis keine mehr da sind (was natürlich nie der Fall ist).

Es gibt in der spirituellen Szene das Konzept von spiritual bypassing. Da werden schmerzhafte Gefühle wie Ängste oder Zweifel einfach übergangen (und letztendlich unterdrückt), indem wir uns mit aller Macht auf Positiveres konzentrieren. Dankbarkeit, zum Beispiel. Darunter leide ich ganz sicher nicht; ich tendiere (typisch deutsch?) eher zur Negativfixierung und scanne wie schon gesagt unbewusst mein Leben nach Problemen ab, die ich dann meine unbedingt aus dem Weg räumen zu müssen, bevor ich mich entspannen und den schönen Seiten des Lebens zuwenden kann. Im spirituellen Kontext ist mir dieses Muster schon häufiger als spiritual fixing begegnet – der Zwang, alles was möglicherweise nicht stimmt, auf irgendeine spirituelle Art heilen und damit „fixen“, also richten oder ganzmachen, zu müssen.

Aber spirituell oder nicht, im Grunde stecke ich immer noch in einem Muster fest, das ich sehr eloquent für mich einmal das „Ich muss erst…“-Syndrom genannt habe. „Ich muss erst dies oder jenes tun oder erreichen, damit es mir endlich gut gehen kann.“ Die Basis eines jeden Selbstoptimierungswahns, in dem man trotz aller Bemühungen doch nie richtig und gut genug ist. In dem ich erst diese Hürde nehmen, jene Erwartung erfüllen, noch ein weiteres Ziel erreichen muss – erst dann kann ich endlich frei und glücklich sein.

Und dabei hatte ich mich ursprünglich gerade deswegen der spirituellen Persönlichkeitsentwicklung zugewandt, um endlich aus diesem Esel-Karotte-Spiel auszusteigen. Aber offenbar habe ich nur die Karotte ausgetauscht (oder schöner angemalt). Mein Leben läuft immer noch nicht perfekt? Dann muss ich noch weiter an meinem Inneren arbeiten, irgendwo sind da doch noch Schatten und Blockaden, die „angenommen“ werden müssen. Vielleicht auch gleich noch mehr meditieren, mehr grüne Säfte trinken oder auf andere Weise spiritueller leben. Wenn ich ganz ehrlich mit mir bin – selbst zum Yoga bin ich mit der Erwartung gegangen, dass es meinen Chakren hilft, nicht, weil es mir einfach Spaß macht.

Es geht um die Intention hinter allem, was wir tun

Nach diesem Moment der Wahrheit war ich kurz davor, mir ein komplettes spirituelles Detox zu verordnen, bei dem ich bis auf Weiteres gar nicht meditiere, nicht zum Yoga gehe, mich auf keine (bewusste) Persönlichkeitsentwicklung einlasse. Also rein gar nichts versuche zu verbessern. Aber das wäre auch wieder nur ein anderes Extrem, auch wieder nur Vermeidung. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass die Lösung nur in unserem Inneren, in uns selbst liegen kann. Ich glaube immer noch daran, dass wir zuerst spirituelle Wesen sind, und das Leben an sich ein spiritueller Akt.

Ich merke, dass viel mehr als das, was wir machen, es auf die darunterliegende Intention ankommt, mit der ich das mache, was ich mache (oder nicht mache). Die meist unbewussten Hintergedanken, mit denen ich an alles herangehe. Mache ich es aus einer Position von Ich-bin-noch-nicht-richtig heraus, kann wirklich alles zu einem „Fixing“ werden. Ob Lichtarbeit oder Schattenarbeit oder gar keine Arbeit.

Außerdem ist mein Leben gerade nicht leicht. Einfach so zu tun, als ob ich mit keinen Schwierigkeiten zu tun habe, hilft auch nicht weiter. Und wenn wir von Schatten und emotionalen Blockaden sprechen: Diese sind ein Ausdruck vergangener Verletzungen und lassen sich weder wegrationalisieren noch wegspiritualisieren noch einfach „vergessen“; ich kann nicht einfach so tun, als ob sie nicht existieren, und dann erwarten tatsächlich völlig selbstbefreit zu sein. Wie ich in meinem letzten Artikel geschrieben habe: Der Schmerz will mit Liebe und Respekt gesehen, gefühlt, angenommen, geehrt werden. Und bevor das passiert, wird er sich immer wieder melden.

Akzeptanz und trotzdem Weiterentwicklung

Die Intention hinter meiner Schattenarbeit kann also nur radikale, echte Akzeptanz sein. Und zwar nicht nur Akzeptanz dieser Schatten, sondern ganz grundsätzlich meiner selbst, ohne dass ich etwas verändern oder verbessern oder eben auch „heilen“ muss – selbst wenn noch lange nicht alles perfekt ist.

Also keine Selbstverbesserung mehr, die davon ausgeht, dass ich einfach noch nicht richtig bin – aber ohne gleichzeitig meine Weiterentwicklung und den legitimen Wunsch nach Verbesserung meiner Situation aufzugeben. Beides sollte neben- und miteinander geschehen. Das ist die große Herausforderung: Das was ist zu akzeptieren, sich selbst und das eigene Leben als richtig und gut genug zu sehen, nicht meinen sich erst „fixen“ zu müssen – aber gleichzeitig nicht im eigenen Wachstum stehenzubleiben.

Und das heißt auch, meine Schatten anzunehmen als etwas, das kein „Problem“ ist, welches erst aus dem Weg geräumt werden muss, bevor ich endlich mein Leben leben kann, sondern sie als natürlichen Teil dieses Lebens zu sehen.

PS: Was ich bei der Gelegenheit vielleicht noch sagen sollte: Diese Schattenarbeit ist schon lange nichts mehr, bei dem ich eine Wahl habe, ob ich sie mache oder sein lasse. Die Entscheidung pro vollständiger Heilung ist vor langer Zeit gefallen, als ich verzweifelt nach einen Ausweg aus meiner chronischen Krankheit gesucht habe. Und auch wenn es mir inzwischen schon deutlich besser geht als damals, ist der – physische wie emotionale – Heilungsprozess noch lange nicht abgeschlossen. All diese alten Traumata und emotionalen Ladungen drängen weiter mit Wucht nach oben, ob ich will oder nicht. Auch dann, wenn ich ganz normal mein Leben lebe. (Oder gerade wenn ich ganz normal mein Leben lebe.) Zu diesem Thema gibt es noch so viel mehr zu sagen, aber das lieber ein anderes Mal.

Foto: Stephen Sandian / Unsplash

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