Mit meinem Schatten tanzen

Seit über einem Jahr suche ich nun schon einen Neueinstieg in und für diesen Blog. Wieder einmal. Zurückblickend waren die letzten eineinhalb Jahre ein einziges Hin und Her, oder besser Auf und Ab, eine einzige nie enden wollende Achterbahnfahrt. Auf jedes emotionale Hoch folgte ein Tief, und daraufhin wieder ein Hoch. Es ging vom einen Thema zum nächsten, ohne Pause dazwischen. Wie ein Pendel, das erst wild hin- und herschwingt, bis es sich irgendwann in der Mitte einpendeln kann. Nur, dass ich vergeblich auf dieses Einpendeln wartete, diesen Moment der Ruhe, an dem ich mich neu orientieren kann.

Irgendwie wusste ich ja, worauf ich mich eingelassen hatte. Ich wollte und musste aus meinem inzwischen schon einige Jahre andauernden Dauertief heraus, und Heilung verläuft selten gradlinig. Nach Ungezählten dieser Auf und Abs fing ich irgendwann an zu akzeptieren, dass ich offenbar durch die Tiefs hindurchmuss, um die Höhen erleben zu können. Aber immer wenn ich dachte, dass es jetzt endlich vorbei war und ich endlich auf einem guten Niveau zur Ruhe kommen kann, ging es wieder abwärts auf der Achterbahn.

Schatten und Arbeit

So etwas wie einen wirklichen Durchbruch hatte ich dann vor etwa einem Monat. Es war der Tag, an dem ich aufgehört habe, diese Tiefs – und damit meine Schatten – als etwas zu sehen, das ich unbedingt auflösen, das ich (oder an dem ich mich) abarbeiten muss, damit es mir endlich gut gehen kann.  

Und das obwohl ich all die Jahre dachte, ich wäre inzwischen ein echter Profi, wenn es um Schattenarbeit geht. Schattenarbeit, das bedeutet, sich seiner ‘dunklen’, im Schatten des Bewusstseins liegenden Seiten und Gefühlen zuzuwenden, anstatt ausschließlich dem lichten, allgemein akzeptierten Ideal von Glück, Erfolg und dergleichen. Unsere Schattenseiten sind entweder die, die wir nicht sehen können oder wollen, oder die, die wir als negativ werten: Angst, Scham, Trauer, Wut, Hass, Schmerz. Oder negative Gedanken wie Kritik, Abwertung, Verurteilung, Schuldgefühle. Und natürlich sind die Seiten von uns, die wir als negativ werten, auch oft genug die, die wir nicht sehen können oder wollen. In der Schattenarbeit werden aufkommenden ‘Schatten’ und Tiefs nicht ignoriert oder oder unterdrückt (was gerne auch durch erzwungenes positives Denken passiert), sondern im Gegenteil, wir wenden uns ihnen zu und setzen uns mit ihnen auseinander. 

Mit dem Schatten tanzen

So weit, so sinnvoll. Aber: es war bisher immer so, dass ich mich in jedem Tief mit eben diesem auseinandergesetzt habe, um so schnell wie möglich wieder nach oben zu kommen. Das hat oft genug auch funktioniert, aber nie auf Dauer. Im Rückblick habe ich mich meinen Schatten nur deswegen gestellt um sie so schnell es geht wieder loszuwerden.

Bei meinem kleinen Durchbruch vor einem Monat habe ich erkannt (wie so oft der Fall, erst als ich wieder einmal mit dem Rücken zur Wand stand): Auch unsere ungeliebten ‘dunklen’ Teile sind Teile von uns selbst. Wenn wir sie bekämpfen und ablehnen, bekämpfen wir uns immer selbst und lehnen wir uns selbst ab. Und dabei will der Schmerz hinter dem Schatten nichts anderes, als endlich gesehen zu werden – verstanden, angenommen, geehrt. Nicht einfach nur so schnell es geht weggemacht. Nicht als Störfaktor gesehen, der mir ein schönes, freies Leben unmöglich macht. 

Natürlich, ich will mich auch nicht komplett in meinem Schmerz verlieren. Aber noch weniger will ich ihn weiterhin wegdrücken. Ich will ihn liebevoll in die Arme nehmen und mit ihm tanzen; wenn es sein muss bis ans Ende der Welt. Denn nur durch Annahme kann der Schmerz geheilt werden. Bei emotionaler Heilung geht es um Integration, um Miteinbeziehung, nicht um Loswerden. 

Seitdem ich das wirklich verstanden habe, hat sich etwas verändert. Ich schwanke oft noch zwischen positiven und weniger positiven Gefühlen, aber ich sehe sie jetzt als Teil von mir; und diese Selbstakzeptanz und ja, auch Selbstliebe (die immer nur alle unsere Teile umfassen kann) hat mir die Tür der inneren Ruhe geöffnet, nach der ich die ganze Zeit gesucht habe. Ich weiß jetzt: diese innere Ruhe kommt nicht, sobald es mir perfekt gut geht – sie kommt dann, sobald ich wirklich erkenne, dass ich nicht frei von jeglichen ‘Schatten’ sein muss, damit es mir gut gehen kann. Das einzige, das ich muss, ist die Ablehnung gegen meine Schatten aufzugeben, die ja letztendlich immer nur eine Ablehnung meiner selbst ist.

Titelbild: romanen / Pixabay

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